zur startseite

     


„Haben wir eigentlich keine anderen Probleme?“

Mit dieser Frage sieht sich bis heute oft konfrontiert, wer frühere Nazis in der
eigenen Region zu seinem Thema macht. Ein harter Kern fragt sogar: „Wie lange soll das denn noch so gehen?“ Derartige Leute übersehen, dass nach über 70 Jahren hartnäckigem Schweigen die meisten lokalen Täter, Helfer und
Trittbrettfahrer des NS-Staates, allesamt längst verstorben, zum ersten Mal vor
einem breiten Publikum untersucht und portraitiert werden. 14 Autorinnen und Autoren berichten quellengestützt über 20 einschlägig vorbelastete Personen, die mit dem östlichen Württemberg verbunden sind, von Gerabronn bis Heidenheim, von Schwäbisch Hall bis Aalen, von Crailsheim bis Göppingen. Herausgegeben hat diesen dritten Band der Reihe erneut der Gerstetter Historiker Wolfgang Proske.

All jenen, die glauben, das sei doch nur wieder ein „Aufkochen von altem
Brei“ (vgl. S. 9, Anm. 10), hält Proske in Anlehnung an die Konstanzer
Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann entgegen: „Erinnerungsarbeit ist keine
rückwärts gerichtete Haltung, sondern wie ein Koffer, den eine Gesellschaft bei
ihrer Reise durch die Zeit mit sich nimmt. Indem wir entscheiden, was wir dabei
einpacken wollen und was wir lieber zurücklassen, vergewissern wir uns unserer
Grundwerte und geben unserem Verhalten die entsprechende ethisch und politisch angemessene Richtung.“

Die geschilderten Fälle verdeutlichen, wie unterschiedlich man sich nach 1933 mit dem NS-Unrechtsregime arrangieren konnte. Unter einer Mehrheit von Deutschen gab es, ungeachtet, vielleicht auch insbesondere wegen der Verfolgung und Ausschaltung der politischen Linken nach der „Machtübertragung“ auf Adolf Hitler, überschäumende Begeisterung und mancherorts eine geradezu bombige Aufbruchsstimmung. In der Provinz verwandelten sich viele mit atemberaubendem Tempo in aktive Rädchen der NS-Maschine. Bedeutend mehr Menschen als uns das heute lieb sein kann blieben auf Dauer dabei und mutierten schrittweise in eigenständig handelnde Täter, die willentlich anderen Schaden zufügten. Wer aber zunehmend Zweifel hegte, blieb viel zu oft passiv, wo er oder sie hätte wirksam aufbegehren müssen.

Das Buch stellt immer wieder Zusammenhänge her zwischen den kleinen
Geschehnissen vor Ort und dem großen Ganzen im Reich. Es beleuchtet nicht nur Spitzenfunktionäre, Akademiker, Beamte oder Offiziere, sondern auch sog. „kleine Leute“, die persönlich wenig auf dem Kerbholz haben mochten, in ihrer Masse allerdings ganz erheblich zur Stabilität des NS-Staates beitrugen.

externer Link zur Internetseite Täter, Helfer, Trittbrettfahrer | Band 3

 

     


     

 

     
       

 

     

kugelberg Signet